Kapitulation

Email an einen Freund

Den folgenden Text habe ich vor geraumer Zeit meinem ehemals besten Freund geschrieben, Hier dürft Ihr mal ganz tief in mich reinschauen. Meine Beweggründe und die Art und Weise, wie ich mit meiner Alkoholabhängigkeit umgehe kennenlernen. Meine Erfahrungen. Vielleicht entdeckt ja so Mancher die Wut, die Verzweiflung aber auch die Motivation, die dahinter steckt. Und die Hoffnung, die bekanntlich zuletzt stirbt …

So mein lieber Freund und Kupferstecher. Ich habe Dir gesagt, dass ich Dir schreibe warum ich auch diesmal noch Bedenken habe. Wird Dir nicht gefallen, ist aber so. Kapitulation – das leidige Thema – und jetzt vergiss einfach schnell das Wort, bis ich es wieder erwähne …

Der Ausdruck ist mit so was Memmenhaften belegt. Gerade Dir als alter Punk wird das schwerfallen, geht aber jedem so. Wer will denn schon schwach sein, charakterlos. „Reiß Dich doch mal ein bisschen zusammen, Mann !“ … Scheisse !

So tickt aber die Gesellschaft, und wir sind darin aufgewachsen. Also, wie komm ich raus aus dem Dilemma ? Umbenennen, andere Vergleiche suchen. Ich muss gestehen, ich habe erst gestern im Einzelgespräch darüber philosophiert, ist bei uns im Moment auch wieder ein grosses Thema, also passt es ja ganz gut jetzt. Mein Beispiel mit dem bösen Buben, der einen umbringen will, habe ich Dir ja schon mal erzählt. Die Frau (my Therapeutin) hat da noch was schöneres gefunden. Die Mafia.

Peace-Taube-Kapitulation

Klar, man kann sich, wenn man was gegen sie in der Hand hat, mit ihnen anlegen. Öffentlich, schön laut, Brust raus ! Was allerdings 100 %ig zur Folge hat, dass man in kürzester Zeit entweder aussieht wie ein Küchensieb oder Betonstiefel trägt und als Fischfutter fungiert.

Oder aber man nimmt an einem Zeugenschutz-Programm teil, mit all seinen Konsequenzen … (Anderes Leben, Freunde … kannst ja selber weiter ausdenken …)

Etwas anderes liegt ja sogar auf der Hand. Eine schwere Krankheit. Wir sind krank !

Süchtig, abhängig, nenn es wie Du willst, aber krank. Welche Krankheit können wir heranziehen als Vergleich? Ist schon schwierig, wir hatten ja mal irgend wann in ferner Vergangenheit die Wahl ob wir konsumieren wie die Wilden oder nicht, was auf Jemanden der plötzlich tot krank ist meistens nicht zutrifft. Spielt aber jetzt auch keine Rolle mehr. Fakt ist – krank !

Du kennst bestimmt das Gebet (hängt ja schliesslich auf Therapie in jedem zweiten Zimmer an der Wand … lach) :

Lieber Gott, gib mir die Kraft, Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann,

den Mut Dinge zu ändern die ich ändern kann

und die Weisheit beides von einander zu unterscheiden.

Und da liegt der Hund begraben. Akzeptieren, wir sind krank. Den „Virus“ tragen wir unser ganzes Leben mit uns herum, aber wir haben das grosse Glück zu verhindern dass die Krankheit ausbricht !

Losbekommen tuen wir den Erreger nie mehr, auch die Mafia hört nie auf nach Dir zu suchen, nur die Symptome können wir bekämpfen (ahhh, das böse Wort schleicht sich langsam von hinten heran … grins). Also.

Den Kampf, Auge in Auge mit dem/n Suchtmittel/n aufgeben. Akzeptieren, der Virus, die Mafia, der Alk, das H, das THC und was es sonst noch so gibt sind stärker als ich, ich hab keine Chance.

Kapitulieren !

Und genau das, hast Du als alter Kämpfer vor dem Herrn noch nie getan.

Du bleibst bei dem Gesellschaftsmist von Charakter usw. hängen, obwohl das gerade Dir ja auf den Senkel gehen müsste. Bin mir jetzt nicht ganz sicher, ich glaube 2 von 1000 Abhängigen schaffen es auf diese Weise clean zu bleiben (was meiner Meinung nach schwer zu beweisen ist für die Beiden … hihi) und gerade DU bist, nach gefühlten 20 Millionen Rückfällen, einer davon. Absurd.

Der klügere gibt nach 😉

Vor allen Dingen, geht es ja, wenn man das so akzeptiert hat, erst mal richtig los. Wird es kompliziert und konfus. Dann wird es interessant, leichter und schwieriger. Ja, dann darfst du sogar wieder kämpfen, Stärke beweisen. Und zwar gegen den inneren Schweinehund, gegen Gefühle und Ängste.

Da fängt die Sauerei an, aber diesen Kampf kann man wenigstens gewinnen !

Wie gesagt, konfus. Dinge, die Dir lächerlich vorkommen fallen dann leichter. Wie z.B. im Supermarkt, anfangs, die Alkoholabteilung vermeiden, zumindest die Gangseite wechseln, oder einfach nicht hinsehen. Bei mir zu Hause gibt es keinen Alkohol/Drogen, das einfachste auf der Welt, wenn man Single ist. Oder im Restaurant fragen, ob Alk in der Soße ist, lach, Kinderspiel.

Und die ganzen Dinge, wie „ich kann doch nicht …“ oder “ ich muss doch …“ fallen dann einfach weg. Es geht um meine Haut. Ich kann, wenn ich will und ich muss schon gar nichts.

Zurück zum Schweinehund. Das muss jetzt sein 😉 . Umgebungswechsel, auch ein schönes Wort.

Alte Freunde und Bekannte sollte man fallen lassen, sofern sie aktiv konsumieren. Eventuell seine Wohnung und den Wohnort wechseln. Ja sogar der Arbeitsplatz, eine Beziehung, die Familie und dergleichen sind in der Situation nicht unantastbar. je nachdem. Schwierig genug ?

Die ganzen Gespräche und Diskussionen über Gründe und Hintergründe. Schlechte Kindheit, Verlust und alles was es geben kann, ergeben erst dann einen Sinn. Weil man seine Ruhe hat um sich damit zu beschäftigen. Jeder einzelne „nasse“ Gedanke stört da !

Auch das Wissen über Alkohol und Drogen, wie das alles funktioniert und warum bringt auch erst dann etwas, wenn man diesen Abstand einhält.

Es gibt auch eine Belohnung, eine 1A Gratifikation. Die ewigen, zermürbenden, zerstörenden Selbstvorwürfe hören auf. Sicher, irgendwann, an einem Zeitpunkt der mir eh unklar ist, hätte ich aufhören sollen, aber wie gesagt, das ist jetzt egal – jetzt und hier bin ich abhängig, also krank.

Zu guter letzt gibt sogar der Dämon auf zu kämpfen. Hockt zwar dann immer noch auf der Schulter rum, oder sonst wo, aber macht sich leicht und hält die Schnauze. Und dann, wenn Du bemerkst, dass Du nichts mehr merkst davon, bist Du plötzlich zufrieden.

Sei stark – aber nicht stolz.

Gib den Kampf auf, um zu gewinnen.

Man kann auch auf`s clean sein

süchtig werden.

(von mir)

So, dass wollte ich dir schon lang schreiben. Noch was zu unserem Gespräch neulich.

Rückfall, ja, darf passieren und du hast Recht, dass man sich dann richtig verhalten muss. Aber ohne die Kapitulationssache, hättest es erst gar nicht richtig versucht. Ich finde nämlich das alles viel schwieriger als den angeblichen Kampf zu führen den man eh verlieren muss.

Ich hab Dir auch vom Schokolade essen berichtet und laute Musik hören. Manche joggen oder nehmen eine kalte Dusche. Es gibt aber auch die Möglichkeit, mal eine scheiss Situation einfach aus zu sitzen. Geht vorüber. Muss nicht immer gleich und sofort vorbei gehen, das ätzende Gefühl.

Mal zulassen, in Dich reinhören, was da so los ist und beobachten. Abwarten und Tee trinken. Es geht wirklich wieder von alleine weg. Das leben ist ein Auf- und Ab.

Auf jeden Winter folgt auch ein Frühling … 🙂 Mensch !!! Diese ganzen scheiss Sprüche stimmen zu 99 %

So, ich hab mir jetzt 5 Std. den Kopf zermartert und die Finger wundgeklopft. Sei nicht beleidigt oder eingeschnappt. denk wenigstens mal über das alles nach, würde mir schon genügen.

Dein Freund Finn Grauwal.

Nachtrag, oder besser Nachfrage. Was meint Ihr ? Hat das was genutzt ? ? ?

 

Eine förmlichere Version zu dieser Theorie finden sie im Buch „Nie wieder Alkohol“. Ich bin Koautor und habe 2 Kapitel beigesteuert. Mehr dazu hier:  > Buchempfehlung  <

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